Die Mittelstandsanleihe  

Kapitalmarktüberlegungen für mittelständische Unternehmungen

Mittelständische  Unternehmen sehen häufig die Notwendigkeit und Möglichkeit, ihre Handlungsfelder auszubauen. Oft liegt in einer Wachstumsstrategie die Möglichkeit, das vorhandene Know-how zu multiplizieren, mit dem Ergebnis, den vorhandenen Fixkostenblock auf einen höheren Umsatz zu verteilen und so zu einer relativen Kostenreduktion zu gelangen, kritische Umsatzgrößen zu erreichen, einem identifizierten Bedarf nachzukommen oder in neuen Geschäftsfeldern tätig zu werden

Für all diese Vorhaben benötigt man in der Regel Kapital. Der Kapitalmarkt bietet es an.

Banken, die traditionellen Finanzierungspartner, unterliegen nunmehr strengeren Eigenkapitalvorschriften und können deshalb Kredite nur noch unter erschwerten Bedingungen vergeben. Sie regieren bei Unternehmen, die bei Ihnen Kredite aufnehmen, in aller Regel auch mit. Sie nehmen Einfluss darauf, wie die zur Verfügung gestellten Mittel im Unternehmen eingesetzt werden. Außerdem müssen Banken umfangreiche Sicherheiten verlangen.

Die folgenden Ausführungen zeigen einen alternativen, deutlich weniger einschränkenden Weg, um den Kapitalmarkt zu nutzen: eine maßgeschneiderte Unternehmensanleihe.

Eine Anleihenemission wendet sich an institutionelle oder private Investoren.

Der Blick soll zunächst auf private Investoren gerichtet sein. Insbesondere Familienunternehmen bringt man in der Regel ein erhöhtes Vertrauen entgegen, was Unternehmenskultur und Nachhaltigkeit betrifft. Insbesondere Investoren aus dem engeren Umfeld des Unternehmens – Lieferanten, Mitarbeiter und  Kunden  können hier angesprochen werden. Eine Börsennotierung ermöglicht den problemlosen Handel, d.h. das Weiterreichen der Anleihe an neue Investoren.

Um eine Unternehmensanleihe erfolgreich zu platzieren, ist neben formellen Voraussetzungen eine Kommunikationsstrategie notwendig, um Investoren auf das Unternehmen und damit auch auf die Emission aufmerksam zu machen. Man kommuniziert die Leistungsfähigkeit, die Geschäftsfelder, auf denen man tätig ist, und verschafft sich damit ein zusätzliches Profil, und den Kapitalgebern zusätzliches Vertrauen in die wirtschaftliche Performance.

Wer eine solche Finanzierung erwägt, muss eine überzeugende Organisationsstruktur mit erfahrenem Management, eine stabile Geschäftsentwicklung und nachvollziehbare Gestaltungsspielräume aufzeigen können. Die Firmenpolitik, die Führungskultur, das Reporting und die Firmenkommunikation müssen klar erkennbar, verständlich und überzeugend dargestellt werden. Gegenüber Anspruchsgruppen muss das Unternehmen sich öffnen. Anforderungen an Transparenz beschränken sich nicht nur auf gesetzliche Vorgaben. Wer eine Unternehmung Liquidität zur Verfügung stellt, will sicher sein können, dass das Management durchdacht, verantwortlich und nachhaltig handelt. Dieses Tun ist konsequent zu publizieren.

So wächst das Vertrauen, auf dem eine erfolgreiche Anleihe fußt. Eine finanzmarktorientierte Firmenkommunikation darf deshalb nicht nur den Zeitpunkt der Emission im Blick haben. Vertrauensbildung und Vertrauenserhalt sind Daueraufgaben.

Eigenkapital steht dauerhaft, Fremdkapital nur für einen begrenzten, vereinbarten Zeitraum zur Verfügung. Denn Fremdkapital ist nach Ende der Laufzeit zurückzuzahlen und während der Laufzeit zu verzinsen. Gestückelt werden solche Anleihen normalerweise zu je 1000 Euro.    

Um Anleihen begeben zu können, ist eine mittlere Unternehmensgröße Voraussetzung. Mittelstandsanleihen, die im Freiverkehr einer Börse gehandelt werden, sollten einen signifikanten zweistelligen Millionenwert haben, abhängig von dem angestrebten Börsenplatz. Es ist eine klare Aussage zu entwickeln, dass und warum eine Anleihe in der gewünschten Größenordnung die beabsichtige und ggf. beschlossene Investitionspolitik des Unternehmens passgenau ermöglicht und sichert.

Der Börsenplatz selbst prüft nicht die Qualität eines Emittenten, sondern stellt die Handelsplattform zur Verfügung. Die Börse gibt die "Spielregeln" (Regularien) vor, nach denen ein Handel unter ihrem Dach vorgenommen werden kann. Im sogenannten Freiverkehr erfolgt der Handel, geregelt durch eine Handelsordnung sowie durch Geschäftsbedingungen des Börsenträgers, die eine ordnungsmäßige Durchführung des Handels und der Geschäftsabwicklung gewährleisten.

Der Markt regelt Angebot und Nachfrage. Voraussetzung für die Börsenzulassung einer An­leihe ist eine Bonitätsprüfung des Emittenten durch eine Ratingagentur. Durch das Rating wird eine einheitliche Vergleichsbasis für die Investoren geschaffen.

Für die Emission von Anleihen und deren Notierung gelten Grundsätze: Ein sogenannter Emissionsexperte (i.d.R. eine Wertpapierbank) muss die Notierung im Freiverkehr einer Börse beantragen. Einzureichen sind Satzung, ein HR-Auszug, sofern verfügbar Geschäftsberichte und Jahresabschlüsse der letzten drei Jahre sowie die Anleihebedingungen. Daraus ist dann ein Emissionsprospekt zu entwickeln, der durch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen (Bafin) geprüft wird.

Zu den Folgepflichten gehört es, die Kernaussagen und -ziffern des geprüften Jahresabschlusses auf der eigenen Website ebenso zu veröffentlichen wie kapitalmarktrelevante Informationen aus dem Unternehmen. Außerdem ist jährlich einmal ein Folgerating fällig. Ebenfalls einmal im Jahr muss man an einer Analystenkonferenz teilnehmen. Der Emissionsexperte schließlich hat die Anleihe über die gesamte Laufzeit zu begleiten.

Verfasser: WP/StB Dipl.Kfm Hans-Peter Roll